Berlin-Bücher im Herbst

Berlin-Bücher im Herbst

Natürlich kann man schon im Herbst eine Frühjahrsvorschau posten. Ich mache es anders und zeige euch Bücher, die in den letzten Wochen erschienen sind!

Es ist erst wenige Tage her, dass ich in Frankfurt durch die Heiligen Hallen der Buchmesse geschlendert bin und mir von verschiedenen Verlagen das Programm habe vorstellen lassen – das vom Frühjahr 2023, wohlgemerkt. Denn das Programm vom Herbst, in dem wir uns gerade befinden, ist bereits fast vollständig erschienen.

Einige Bücher davon habe ich längst gelesen oder auf dem Stapel liegen, manche davon habe ich – und das ist einer der schönsten Aspekte der Buchmesse – erst vor Ort entdeckt. All jene davon, die sich um Berlin drehen, möchte ich euch hier kurz vorstellen!

Was würde passieren, käme Jesus für ein paar Tage nach Berlin? Mischa und Anastasia, zwei enthusiastische Studenten der Slawistik, bitten um göttlichen Beistand – und der kommt tatsächlich auch in Form von Jeschua. Der verhält sich allerdings irdischer als gedacht und vollbringt auch keine Wunder. Ein Gedankenspiel von Michael Kumpfmüller ist „Mischa und der Meister, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Die Alleinseglerin“ von Christine Wolter erschien zuerst 1982 und mauserte sich schnell zum Klassiker der DDR-Literatur. Der Roman erzählt die Geschichte der alleinerziehenden Almut, die von ihrem Vater ein Segelboot übernimmt und sich damit gleich selbst: Fortan verbringt sie jede freie Minute am See oder tingelt durch Ostberlin, um die Materialien für die Renovierung zusammenzutauschen. Der Ecco Verlag hat den Roman neu aufgelegt.

In diesem Herbst hat der Jaron Verlag seine „Berlin Bibliothek“ ins Leben gerufen, in der in Vergessenheit geratene Texte aus der Versenkung geholt werden. Einer davon ist Das Mädchen an der Orga Privat von Rudolf Braune, welcher die Geschichte einer Gruppe „Tippmädchen“ im Prenzlauer Berg der 1920er Jahre erzählt. Als eine von ihnen vom Chef schwanger und daraufhin entlassen wird, beginnen sie einen Streik. Eine starke Geschichte, die trotz ihrer fast 100 Jahre nichts an Aktualität verloren hat.

Geschichten über das geteilte Berlin gibt es mittlerweile wie Sand am Meer – aber selten mit dem Blick von außen: Sophie Hardach ist Britin und erzählt in Unser geteilter Sommer die Geschichte von Ella, die mit ihren beiden Brüdern in Ostberlin aufwächst. Doch dann wagen die Eltern mit ihnen einen Fluchtversuch über die „grüne Grenze“ in Ungarn – und die Familie wird zerrissen. Als Erwachsene versucht Ella in Berlin zu rekonstruieren, was damals wirklich geschah und wohin ihr kleinster Bruder verschwand. Ein Schmöker aus dem Ullstein Verlag für kuschelige Herbstabende, das garantiere ich euch!

Auch der Roman Frau in den Wellen“ von Beatrix Kramlovsky spielt in Ostberlin. Im Mittelpunkt steht hier die junge Diplomatengattin Joni, die mit ihrem Mann in die DDR versetzt wird und als Regierungsberaterin um die Welt reist. Ihre Kinder bleiben beim Vater zurück – und Joni kämpft mit den Erwartungen an sich als Karrierefrau und Mutter. Erschienen im Hanser Verlag.

Mit Trottel landete Jan Faktor auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sein bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes neues Buch ist ein hervorragender Schelmenroman, wenn man sich denn auf ihn einlässt: Der Erzähler schweift in seinen Ausführungen über das Leben im Prenzlauer Berg der 1970er und 1980er Jahre regelmäßig ab, auf jeder Seite gibt es Fußnoten und ob er immer die Wahrheit erzählt – wer weiß das schon…

Bücher

Wir machen weiter mit Ostberlin und einer meiner liebsten Autorinnen: Wer die Texte von Jutta Voigt liest, wird hineingezogen in einen literarischen Kosmos, der die Künstlerszene von Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg von den späten 1950er Jahren bis zum Fall der Mauer beleuchtet – und darüber hinaus. Wilde Mutter ferner Vater, erschienen im Aufbau Verlag, erzählt die Geschichte von Voigts Familie in der Nachkriegszeit, zwischen Kohleofen und Petticoat, gewohnt poetisch.

Jutta Voigt und Lutz Rathenow kennen sich sicherlich, denn Letzterer war einer der wichtigsten Autoren der „Szene vom Prenzlauer Berg“, über die so viel geschrieben wurde und die von manchen dennoch für ein Aufbauschen der realen Verhältnisse angesehen wird. Das ändert nichts daran, dass die Texte in „Trotzig lächeln und das Weltall streicheln“, die Rathenow pünktlich zu seinem 70. Geburtstag veröffentlicht hat, die besten seiner Miniaturen enthalten – und zwar nicht nur aus und über Ostberlin. Erschienen im Kanon Verlag.

Wie Sophie Hardach war auch Aroa Moreno Durán offenbar fasziniert vom „real existierenden Sozialismus“: Die spanische Autorin erzählt die DDR in Die Tochter des Kommunisten aus der Sicht spanischer Exilanten. Katias Eltern waren vor dem Franco-Regime nach Deutschland geflohen, wo sie ein politisches Zuhause unter anderen Kommunisten fanden, Katia wächst mit Fahnenapellen und FDJ-Jugend auf. Doch dann lernt sie Johannes aus Bayern kennen – und folgt ihm mit falschen Papieren in den Westen. Moreno Durán erzählt recht nüchtern und distanziert, das muss man mögen. Erschienen im btb Verlag.

Als die Eltern der Erzählerin in Haus des Kindes von Helga Kurzchalia nach Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Exil in England nach Berlin zurückkehren, ziehen sie in das stattliche „Haus des Kindes“ am Straußberger Platz. Durch die Augen des Mädchens lernen wir die Nachbar*innen kennen, die vor allem eins vereint: Sie wollen ein neues, friedliches Deutschland gründen. Doch bald beginnt die Fassade zu bröckeln, im sprichwörtlichen Sinn. Erschienen bei der Friedenauer Presse.

Wie muss es sich anfühlen wenn das Land, in dem man aufgewachen ist, plötzlich nicht mehr existiert und von Außenstehenden als minderwertig bezeichnet wird? Der Band Briefe aus der DDR. Ein ostdeutscher Briefwechsel aus der Wendezeit 1989-1990 , herausgegeben von Ingrun Spazier im Verlag Das kulturelle Gedächtnis, versammelt schriftliche Zeugnisse der Umbruchszeit zwischen Februar 1989 und der Auflösung der DDR am 2. Oktober 1990 und hilft zu verstehen, wie einschneidend diese Ereignisse für die Bevölkerung war.

Knapp vier Millionen Menschen aller Altersgruppen leben in Berlin – und alle von ihnen haben eine persönliche Geschichte zu erzählen. Man muss ihnen nur zuhören. Johannes Zillhardt hat das über mehrere Jahre getan und eine Auswahl der Gespräche nun unter dem Titel Freiheit ist auf der Straße. Berliner Kindheiten als Buch herausgebracht: Die ältesten Zeitzeug*innen können noch von den letzten Tagen der Kaiserzeit und der Weimarer Republik berichten. Erschienen im Transit Verlag.

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